Die Perspektive ist eines der wichtigsten Stilmittel, um Identifikation mit der Leserin zu erzeugen. Denn die Person, die die Perspektive hat, gelangt mit ihren Ansichten und auch Gefühlen direkt in den Kopf derjenigen, die das lesen. Oder derjenigen, die einen Film sehen, eine Serie, eine Dokumentation, was auch immer.
Wir beschäftigen uns hier jedoch ausschließlich mit der Perspektive beim Schreiben. Es gibt verschiedene Arten, wie man Perspektive beim Schreiben verwenden kann. Als ich anfing zu schreiben, hatte ich immer nur eine Perspektive. Das lag allein schon an der Ich-Form.
Wenn man in der Ich-Form schreibt, kann man nicht in den Kopf eines anderen Menschen hineinsehen. Man sieht immer nur sich selbst beziehungsweise die Ich-Figur. Man kann nur Dinge beschreiben, die die Ich-Figur erlebt. Alles andere ist ihr und auch der Leserin verschlossen. Außer es wird von einem anderen Menschen explizit erzählt.
Diese Perspektive empfinden viele Anfängerinnen, vor allem wenn sie noch sehr jung sind, als die einzig mögliche. Teenager beschreiben oft nur das, was sie täglich in der Schule, mit ihren Freundinnen und Freunden, in der Familie erleben, und sie sehen nur sich selbst. Also ist die Ich-Perspektive die einzig logische. Es gibt keine andere.
Wenn man älter oder erfahrener im Schreiben wird, wird diese Perspektive oftmals durch die personale Perspektive der dritten Person ersetzt. Im Grunde genommen ist das dasselbe wie die Ich-Perspektive, aber man schreibt eben Sie statt Ich. Wie schon die Bezeichnung sagt, ist diese Perspektive immer noch sehr persönlich.
Dann gibt es auch noch die Möglichkeit, eine Art unpersönliche Perspektive zu haben, ebenfalls in der dritten Person, aber es wird mehr über die Figur gesprochen als von der Figur oder durch die Gefühle beziehungsweise Wahrnehmung der Figur.
Das ist die auktoriale Perspektive, die man aber möglichst vermeiden sollte, weil sie sehr distanziert wirkt. In dieser Perspektive fließen auch sehr viele Beurteilungen der Autorin mit ein sowohl über die Figuren als auch über die Geschichte an sich. Das kann verwirren, weil man nie so genau weiß, ist das jetzt die Figur, die das denkt, oder die Autorin.
Sobald man von der Ich-Perspektive in die Perspektive der dritten Person übergeht, hat man jedoch auch die Wahl, nicht nur aus der Perspektive einer einzigen Person zu erzählen, sondern aus mehreren, mindestens zwei.
Auch diese doppelte Perspektive, wenn man das so nennen will, wird sehr gern von unerfahrenen Autoren verwendet. Denn auf diese Art kann man immer direkt aus der Perspektive der einen und dann der anderen Person erzählen, fast wie in der Ich-Perspektive. Die Autorin muss sich nicht in die jeweils andere Person hineinversetzen.
Um das zu tun, müsste sie das Stilmittel des Show don’t tell verwenden, was viele nicht können. Denn Show don’t tell ist tatsächlich so eine Art Königsdisziplin, die für Anfänger oft auf der unerreichbaren Spitze eines Berges sitzt.
Mit zwei jeweils wechselnden Perspektiven muss man nicht unbedingt Show don’t tell können. Man sagt einfach alles direkt. Das ist wesentlich einfacher.
Diese Methode ist jedoch nicht nur bei Anfängern weit verbreitet, sondern auch bei Profis. Sie wird sogar von Gwen Hayes, mit deren Methode wir uns hier in diesem Forum sehr viel beschäftigen, angewendet und empfohlen. Ihr Beat Sheet basiert darauf.
Dennoch habe ich selbst in meinen Büchern immer noch eher die Tendenz, nur aus einer Perspektive zu schreiben. Denn für mich ist eine der beiden Hauptfiguren immer die wichtigere, diejenige, mit der ich mich mehr identifiziere. Ich finde es auch besser, wenn die zweite Frau von einem Geheimnis umgeben wird, das man nicht so schnell erfährt.
Aber es gibt viele Autorinnen, die lieber aus zwei Perspektiven schreiben. Manche Autorinnen würden sogar am liebsten aus jeder Perspektive schreiben, bis hin zu aus der von Nebenfiguren. Was man sogar in vielen veröffentlichten Büchern sieht. Besonders in Fantasy. Dort gibt es oftmals Dutzende von Figuren und auch Dutzende von Perspektiven.
Ich persönlich mag das nicht, finde das eher verwirrend. Aber das ist Geschmackssache.
Dennoch hat man bei einem Liebesroman die Wahl, entweder aus einer oder aus zwei Perspektiven zu schreiben. Denn es geht um zwei Hauptpersonen, alles andere sind Nebenfiguren.
Sofern man überhaupt welche hat. Bei einem Liebesroman muss man nicht so viel Personal haben wie beispielsweise in der Fantasy, in einem Krimi, bei Actiongeschichten oder Familienromanen.
Die Vorteile davon, zwei Perspektiven zu haben, liegen auf der Hand. Ich hatte das oben schon angedeutet. Man muss als Autorin nicht so viel können. Show don’t tell kann man völlig weglassen, ohne dass es jemand merkt.
Auch mögen viele Leserinnen es, wenn man in den Kopf jeder Figur schlüpft, zumindest der beiden Hauptfiguren. Sie können sich die Figuren dann besser vorstellen, ihre Gefühle besser nachempfinden. In der heutigen Zeit fällt es vielen Menschen schwer, sich in andere Menschen hineinzuversetzen. Alles dreht sich um das eigene Ego.
Das spiegelt sich auch in der Art des Schreibens wider. Die weite Verbreitung von Self-Publishing hat ebenfalls dazu beigetragen, dass uns solche Dinge normal erscheinen. Denn viele Self-Publisher machen sich nicht die Mühe, das Schreiben erst einmal zu erlernen, sich mit dem Handwerk des Schreibens zu beschäftigen. Sie schreiben einfach los, egal ob sie es können oder nicht. Und das wird dann auch gleich veröffentlicht.
Somit steht es uns Autorinnen frei, uns die Art der Perspektive auszusuchen, die uns leichter fällt, die uns am besten liegt. Ein ganzes Buch aus einer einzigen Perspektive zu schreiben und die anderen Personen durch Show don’t tell ebenso lebendig erscheinen zu lassen, ist schwieriger, also wird man immer weniger Bücher in dieser Art finden.
Natürlich gibt es auch Bücher, die nur aus einer Perspektive geschrieben sind und trotzdem nicht den schwierigeren Weg des Show don’t tell gehen. Das sind Bücher, die eher an Tagebücher erinnern. Die Autorin beschreibt lediglich, was sie erlebt hat, wo sie war, denkt sich praktisch nichts aus, sondern gibt nur ihren Alltag wieder oder vielleicht noch ihre Urlaubserfahrungen.
Solange es Leserinnen gibt, die das kaufen, ist das natürlich auch völlig in Ordnung. Mich interessieren solche Bücher meistens weniger.
Es ist jedenfalls eine Entscheidung, die man treffen muss, die Entscheidung, aus wie vielen Perspektiven man schreiben will.
Auch deshalb, weil es tatsächlich einfacher ist, aus zwei Perspektiven zu schreiben, arbeiten wir jetzt im Romanforum das ganze Buch von Gwen Hayes Kapitel für Kapitel durch. Denn es ist eine sehr probate Methode.
Ich sage einfacher, aber das heißt nicht schlechter. Und es gibt keinen Grund, warum man es sich unnötig schwer machen muss, indem man versucht, nur aus einer Perspektive zu schreiben und alles andere trotzdem über Show don’t tell zu vermitteln.
Natürlich ist es schön, wenn man das schafft, und man kann stolz auf sich sein. Aber ich finde, man sollte beides versuchen.
Wer lieber aus zwei Perspektiven schreibt, sollte versuchen, mal eine ganze Geschichte nur aus einer Perspektive zu schreiben und ganz gezielt Show don’t tell einzusetzen.
Wer lieber aus einer Perspektive schreibt, sollte versuchen, aus zwei Perspektiven zu schreiben, um herauszufinden, wie sie davon als Autorin profitieren kann.
Es ist alles nur eine Frage der Perspektive, wie ich am Anfang schon sagte.