Handwerk

Schreiben? Ja. Aber wie?
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Ruth
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Re: Handwerk

Beitrag von Ruth »

Grundsätzlich ja, aber nicht für die Phase Setup gleich am Anfang. Die sollte relativ kurz und knapp gehalten sein. Möglicherweise sind da sogar schon zwei Beats zu viel. Meines Erachtens könnte man da gut mit einem Beat zur Einführung von H1 und einem Beat zur Einführung von H2 auskommen.

Nicht zu viele Details, nur eine Art Blitzlicht auf die aktuelle Situation der beiden Protagonistinnen, jeweils separat betrachtet. Und eben der erste Hinweis auf einen Konflikt, den sie (noch) nicht miteinander haben, sondern völlig getrennt voneinander, ohne sich überhaupt zu kennen.

In Deinem LLP-Roman ist es natürlich etwas anders, weil Kim und Nathalie sich schon kennen. Dennoch könntest Du überlegen, Kim im zweiten Beat des Setups als separate Person vorzustellen, deren aktuelles Leben tatsächlich nichts mit Nathalie zu tun hat. Wie sich dann ja auch herausstellt, als sie zu Nathalie ins Büro geht. Sie haben sich über ein Jahr lang nicht gesehen, völlig getrennte Leben geführt und offensichtlich auch kein einziges Wort miteinander gesprochen. Nathalie wusste anscheinend noch nicht einmal, wo Kim ist.

Später stellt sich ja dann heraus, dass Nathalie zumindest wusste, was Kim wahrscheinlich tut. Deshalb hat sie sich von ihr getrennt. Aber das ist tatsächlich das einzige, was sie mit Kim im vergangenen Jahr verbunden hat. Sodass eine separate Einführung durchaus gerechtfertigt erscheint.

Übrigens noch ein kleiner Hinweis: Beats und Szenen sind nicht dasselbe. Ein Beat kann aus mehreren Szenen bestehen, tut es meistens auch, und mehrere Beats können genauso wie mehrere Szenen ein Kapitel ergeben.
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Kay
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Re: Handwerk

Beitrag von Kay »

Das verwirrt mich jetzt wieder ein bisschen. Ich hatte Beats und Szenen bisher auch gleichgesetzt. Wenn ein Beat aber mehrere Szenen haben kann, was unterscheidet dann den Beat von der Szene?
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AnneW
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Re: Handwerk

Beitrag von AnneW »

Ruth hat geschrieben: Montag 15. November 2021, 12:28Was ich damals im Schreibforum gelehrt habe, war sozusagen die „Anfängerstufe“. Ich habe mir überlegt, was ist die einfachste Art, mit dem Schreiben zu beginnen, und daraus ist die Virtuelle Schreibwerkstatt entstanden. Aber niemand will wohl sein Leben lang Anfänger bleiben. ;) Also wäre es schön, wenn sich aus dem, was ich ursprünglich gelehrt habe, etwas anderes entwickeln würde, etwas Fortgeschritteneres.
Denkst Du wirklich? Über das, was Du hier gesagt hast, habe ich jetzt eine ganze Weile nachgedacht. Dann kam immer wieder die Erwähnung von Gwen Hayes, und ich dachte mir so, ob Du wohl das meinst mit fortgeschrittener? Und obwohl ich den Ansatz von Gwen Hayes wirklich gut finde, kommt es mir so vor, als ob das, was Du in der Virtuellen Romanwerkstatt gemacht hast, der fortgeschrittenere Weg wäre, nicht umgekehrt.

Filmisches Schreiben ist gut und schön und mit Sicherheit auch sehr erfolgreich. Für viele ist das vielleicht tatsächlich der richtige Einstieg in eine Geschichte. Aber wenn ich mir die ersten Überarbeitungen jetzt anschaue, geht es doch eher davon weg. Möglicherweise landen wir zum Schluss alle wieder bei dem Beginn mit der ersten Begegnung, den wir von Dir gelernt haben.

Ich glaube, Du stellst Dein Licht da zu sehr unter den Scheffel. Du hast mit der Virtuellen Romanwerkstatt damals etwas Großartiges entwickelt, nicht nur für Anfänger. Du solltest ein Buch daraus machen. :) Und ich glaube, ich werde bei meiner Überarbeitung jetzt auch eher in die Richtung gehen. Filmisches Schreiben in Beats kann aber dazukommen, denn das bewahrt einen davor, sich zu sehr zu verzetteln oder zu sehr in der Hintergrundgeschichte oder in Info Dump zu verlieren. Ich glaube, beides zusammen könnte fast die perfekte Kombination sein. Was denkst Du?
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Kay
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Re: Handwerk

Beitrag von Kay »

Weil Du gerade Info Dump erwähnst … Da fühle ich mich ein bisschen angesprochen, denn ich glaube, das habe ich am Anfang meines Romans jetzt auch gemacht. Nicht dass die Informationen unwichtig wären, aber ich habe sie alle auf einmal über die Leserin ausgeschüttet. Da werde ich vielleicht auch eher zu den „Wurzeln“, sprich zu Ruths Virtueller Romanwerkstatt zurückkehren. Zwar habe ich nicht direkt darüber nachgedacht, aber jetzt, wo Du das so sagst, Anne … Du hast recht. Das ist der fortgeschrittenere Weg. Gwen Hayes ist der einfachere, amerikanische Weg „für Dummies“. Was nicht schlecht sein muss – ich liebe die „Dummies“-Bücher ;) –, aber vielleicht waren wir da mit der Romanwerkstatt tatsächlich schon weiter.
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Ruth
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Re: Handwerk

Beitrag von Ruth »

Kay hat geschrieben: Donnerstag 25. November 2021, 12:13Das verwirrt mich jetzt wieder ein bisschen. Ich hatte Beats und Szenen bisher auch gleichgesetzt. Wenn ein Beat aber mehrere Szenen haben kann, was unterscheidet dann den Beat von der Szene?
Zuerst einmal muss ich darauf hinweisen, dass das ganze Beat-Sheet-Konzept eindeutig aus dem Drehbuchschreiben kommt. Dort geht es – wie ich schon sagte – um sehr viel kürzere Geschichten, die sich in einem Film unterbringen lassen. Auch wenn ein Film wie eine vollständige Geschichte erscheint, ist er immer nur ein Teil einer Geschichte, wie wir sie in einem Roman entwickeln.

Das originale Beat Sheet, auf dem das alles beruht, stammt von Blake Snyder, der bereits 2009 verstorben ist. Seine Idee lebt jedoch weiter und wird immer wieder angepasst. In diesem Beat Sheet gibt es 15 Beats und 40 Szenen.

Da sieht man ganz deutlich den Unterschied. Ein Beat kann zwar auch manchmal nur eine einzige Szene sein, aber meistens ist ein Beat sozusagen eine Art „Über-Szene“, der aus mehreren Szenen besteht. Ein Beat ist also mehr ein Thema als eine Szene. Dieses Thema wird dann in mehreren Szenen (die wir Romanautorinnen dann wieder in Kapitel zusammenfassen, die dann wiederum drei oder auch vier Akte ergeben) ausgeleuchtet.

Die 15 Beats sind:
1. Opening Image (1)
2. Theme Stated (5)
3. Set-Up (1-10)
4. Catalyst (12)
5. Debate (12-25)
6. Break into Two (25)
7. B Story (30)
8. Fun and Games (30-55)
9. Midpoint (55)
10. Bad Guys Close In (55-75)
11. All Is Lost (75)
12. Dark Night of the Soul (75-85)
13. Break into Three (85)
14. Finale (85-110)
15. Final Image (110)

Die Zahlen dahinter bedeuten die Seitenzahlen in einem Drehbuch, das üblicherweise 110 Seiten umfasst. Ein Beat umfasst also oftmals mehrere Seiten und auch mehrere Szenen.

Hier sieht man das Ergebnis mit den angestrebten 40 Szenen in der Software, die es zu der Methode zu kaufen gibt. Man kann das aber auch mit anderer Software machen (oder für diejenigen, die es lieber analog statt digital machen, auf Papier, mit Karteikarten), es gibt da mittlerweile einiges. Und Gwen Hayes hat daraus dann das angepasste Beat Sheet für Romancing the Beat gemacht.
Du hast keine ausreichende Berechtigung, um die Dateianhänge dieses Beitrags anzusehen.
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Sina
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Re: Handwerk

Beitrag von Sina »

Zum Schluss ist das aber doch dasselbe wie Plotten. Oder sehe ich das falsch? Nur eine etwas übersichtlichere Methode. Was allerdings sehr von Vorteil ist, weil man praktisch alles auf einem einzigen Blatt hat. Diese Software hier kenne ich zwar nicht, aber ich kenne Scrivener. Und da sieht das praktisch genauso aus.
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Ruth
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Re: Handwerk

Beitrag von Ruth »

Das hast Du richtig erkannt. :) Es geht ums Plotten. In einem Film ist das natürlich absolut unerlässlich. Deshalb stammen diese Dinge auch meistens aus dem Drehbuchschreiben. Man muss im Voraus festlegen, welche Szenen gedreht werden sollen, das kann man nicht spontan machen. Das muss man sehr genau planen.
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Angela
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Re: Handwerk

Beitrag von Angela »

Was mir beispielsweise überhaupt nicht liegt. :? Ich glaube, daraus ergeben sich auch einige meiner Probleme. Ich schreibe immer einfach so drauflos, und dann stecke ich fest. Genau 40 Szenen? Das ist aber schon ein sehr starres Konzept. Nicht viel Platz für Abweichungen. Und sind es in einem Roman nicht sowieso mehr Szenen? Ganz automatisch, weil die Geschichte länger ist?
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Laura
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Re: Handwerk

Beitrag von Laura »

Dasselbe habe ich auch gerade gedacht, Angela. 40 Szenen und 15 Beats. Das ist ein bisschen wie "Malen nach Zahlen". Nicht so sehr kreativ. Oder soll es die Kreativität, die dann vielleicht in Plappern endet, im Zaum halten?
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Steffi
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Re: Handwerk

Beitrag von Steffi »

Das könnte ein Grund sein. :D Durch das Bild hier wird mir jetzt allerdings einiges klarer. Vor allem auch einiges, das ich falschgemacht habe. Ich glaube, die Beschränkung auf 40 Szenen könnte mir helfen. Damit die Geschichte nicht so ausufert und vor und zurück springt, wie sie es jetzt tut. Danke, Ruth, für Deine wie immer hilfreichen Anmerkungen. Was täten wir nur, wenn wir Dich nicht hätten? Ich hätte das hier jetzt nie gefunden. Ich hätte gar nicht gewusst, wo ich suchen soll. :mrgreen:
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Ruth
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Re: Handwerk

Beitrag von Ruth »

Dankeschön :), aber Schreiben ist seit fast 30 Jahren mein Beruf. Da sollte ich schon wissen, wo ich gucken muss. :D Und es freut mich immer, wenn ich anderen Autorinnen helfen kann. Ich bin keine große Plotterin, aber auch mir hat das hin und wieder geholfen. Wenn man unsicher ist, hat man so eine Art roten Faden, an den man sich halten kann, und kommt so vielleicht auch über ein Feststecken hinweg.

Das Blake-Snyder-Beat-Sheet ist für uns Liebesromanautorinnen nicht so ausführlich wie das abgewandelte Beat Sheet von Gwen Hayes, weil die Liebesgeschichte hier die „B-Story“ ist, also dem Hauptplot untergeordnet. Bei uns ist das jedoch die „A-Story“, und alles andere ist die „B-Story“. Aber wenn man es einfach so umdreht, können wir das Beat-Sheet von Blake Snyder genauso verwenden.

Und damit ist vielleicht auch schon ein bisschen Deine Frage beantwortet, Anne. :)
AnneW hat geschrieben: Freitag 26. November 2021, 21:45Filmisches Schreiben in Beats kann aber dazukommen, denn das bewahrt einen davor, sich zu sehr zu verzetteln oder zu sehr in der Hintergrundgeschichte oder in Info Dump zu verlieren. Ich glaube, beides zusammen könnte fast die perfekte Kombination sein. Was denkst Du?
Du hast mich damit darauf aufmerksam gemacht, dass „fortgeschritten“ vielleicht nicht der richtige Ausdruck war. Es sind wohl eher zwei Zweige desselben Baumes. Der Stamm ist die Verbindung, aus dem sie sprießen, aber es geht leicht abgewandelt in verschiedene Richtungen. Die gleichwertig sind und immer noch dieselbe Basis haben, immer noch aus denselben Wurzeln genährt werden. Das ist quasi schon eine Kombination von der Konstruktion her. Und trotzdem zeigt der eine Ast vielleicht nach Süden und der andere nach Norden.
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Julia
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Re: Handwerk

Beitrag von Julia »

Laura hat geschrieben: Samstag 27. November 2021, 09:24 Dasselbe habe ich auch gerade gedacht, Angela. 40 Szenen und 15 Beats. Das ist ein bisschen wie "Malen nach Zahlen". Nicht so sehr kreativ. Oder soll es die Kreativität, die dann vielleicht in Plappern endet, im Zaum halten?
Ich finde das nicht unbedingt unkreativer, der kreative Prozess verschiebt sich einfach ein bisschen.
Ich bin - und war es von Anfang an -ja immer eine totale Plotterin, wobei sich der Prozess in den letzten Jahren sicherlich noch mal deutlich intensiviert hat. Am Anfang eher mit einer klassischen 3-/5-Akt-Sturktur, zuletzt nach den Beat-Sheets.
Aber auch dabei ist ja da entwickeln der Figuren, das entwickeln der einzelnen Beats, des gesamten Plot, der Konflikte, Entwicklungen etc. sehr kreativ. Bis ich anfange zu schreiben, vergehen da sicherlich mehrere Wochen, die doch ausgesprochen kreativ sind (zumindest würde ich es so bezeichnen). Das Schreiben an sich ist dann vielleicht nicht mehr ganz so kreativ, wie es wäre, wenn man sich dabei erst die Geschichte überlegt, trotzdem müssen die Szenen/Kapitel ja noch gestaltet werden. Und vor allem verzettel ich mich dadurch nicht so leicht.

Und wenn ich beim Schreiben merke, dass irgendwas doch nicht so passt, ein Kapitel überflüssig ist oder ein anderes vielleicht noch fehlt, kann ich das ja trotzdem ändern, es ist ja nicht in Stein gemeißelt.

Übrigens - weil ja gerade die Dummies-Bücher angesprochen worden: Es gibt ein schönes für Liebesromane, aber leider nur auf Englisch. (Writing a romance novel for dummies)
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Ruth
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Re: Handwerk

Beitrag von Ruth »

Ja, das Buch gibt es schon sehr lange. Und ich habe es ja auch immer wieder empfohlen. Mangels etwas Vergleichbarem gab es da auch gar keine Alternative. Ich war damals froh, als ich das Buch entdeckte. Aber zum Schluss ist es eben doch sehr hetero und sehr auf die Hetero-Liebesromanszene ausgerichtet und diese ganzen verschiedenen Sub-Genres, die es bei Hetero-Liebesromanen gibt. Deshalb ist es nur eingeschränkt nützlich. Einiges kann man übernehmen, aber vieles ist eben auch von der vordefinierten Rollenverteilung zwischen Männern und Frauen bestimmt.

Dennoch gibt Leslie Wainger in dem Buch aus ihrer jahrzehntelangen Erfahrung als Lektorin für Liebesromane in Amerika gute Tipps, die man woanders nicht so findet. Allerdings ist auch die sehr schematische und verkrampfte amerikanische Sichtweise bezüglich der Rollenverteilung von Mann und Frau ein Teil davon. Wenn man sich das heutige Amerika anschaut, erschrickt man ja manchmal, wie weit Amerika in der Entwicklung zurück ist. Das erinnert noch an das vergangene Jahrhundert. Und wenn man das auf einen modernen Liebesroman übertragen will, muss man da einiges anpassen.

Gwen Hayes ist da tatsächlich um einiges moderner und aktueller. Sie versucht es auch bewusst so gender-neutral wie möglich zu halten, indem sie die beiden Hauptpersonen H1 und H2 nennt, damit es zwei Frauen, zwei Männer oder ein Mann und eine Frau sein können, die das Liebespaar darstellen. Aber beide Bücher können eine gute Grundlage bieten, ganz abgesehen von der Modernität.
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Steffi
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Re: Handwerk

Beitrag von Steffi »

Die Mann-Frau-Geschichte verfolgt uns ein bisschen, ob wir wollen oder nicht, oder? :) Ich musste gerade so daran denken, was wäre, wenn Cat ein Mann wäre? Würden dann auch alle über ihre Coolness bzw. Gefühlskälte schimpfen? Oder würden es nicht alle Leserinnen sofort akzeptieren, weil Männer eben so sein dürfen, Frauen aber nicht? Wenn ich also ein Buch als Schreibratgeber habe, der von genau dieser Konstellation von Mann und Frau ausgeht, werde ich da nicht in eine falsche Richtung geleitet, wenn ich gar keine Männer in meiner Geschichte habe? Vor allem auch nicht als Love Interest. Weil von Frauen immer noch gewisse Verhaltensweisen erwartet werden.

Natürlich auch von uns lesbischen Frauen. Wir dürfen nicht einfach so eine Pistole ziehen und schießen. Auch wenn das unser Beruf ist. Das wird kritisiert. Und auch wenn das sexuelle Begehren dann plötzlich anspringt, von einer Sekunde zur anderen, scheint das zu verwirren. Ein Mann, bei dem sofort alles anspringt, wenn er eine Frau nur von weitem sieht ... Das ist natürlich normal. Ich frage mich, ob es nicht unsere eigenen eingefahrenen Vorstellungen von männlich und weiblich sind, die uns da auch im Wege stehen. Wenn das schon von Lesben in einem lesbischen Forum kritisiert wird, was mich wirklich überrascht hat.
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Angela
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Re: Handwerk

Beitrag von Angela »

Da musste ich jetzt richtig lachen, Steffi. :D Was so alles von Lesben in einem lesbischen Forum kritisiert wird, ist tatsächlich erstaunlich. Als ich las, dass Nathalie männerfeindlich sein soll, nur weil sie sich von irgendwelchen Männern belästigt fühlt, mit denen sie als Lesbe gar nichts anfangen kann, haben sich meine Augenbrauen ganz automatisch nach oben bewegt. 8-) Soll ich mich als Lesbe jetzt auch noch für Männer zur Verfügung halten? Und das sagt eine Lesbe? Eine Lesbe empfindet mich als männerfeinlich, wenn ich Männer, die einfach annehmen, ich stände für sie zur Verfügung, ohne zu fragen, ablehne? Obwohl wir das doch alle jeden Tag tun müssen? Zumindest in jungen Jahren. Wenn man älter wird, lässt das glücklicherweise nach. :mrgreen:
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Kay
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Re: Handwerk

Beitrag von Kay »

Glücklicherweise. :D Über diese Bemerkung zu Nathalie hier in diesem rein lesbischen Forum habe ich mich auch sehr gewundert. Was hätte Nathalie denn da sagen oder denken sollen? Vielleicht so etwas wie "Ach, dieser nette junge Mann. Wie schade, dass ich nicht hetero bin?" :lol:

Ich habe mit Guy in meinem Roman ja dasselbe gemacht. Und mit Marianas Onkel. Sicherlich, ihre Tante ist auch widerlich, ebenso wie ihre Mutter, aber Guy ist ja nun wirklich ein "Alphahole" (der Ausdruck stammt aus dem Buch von Gwen Hayes ;) ). Dazu kam keine Bemerkung, dass das männerfeindlich ist, aber möglicherweise haben die Leserinnen, die das dachten, nur nichts gesagt. Merkwürdig finde ich das in diesem Umfeld hier aber auf alle Fälle.
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Laura
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Re: Handwerk

Beitrag von Laura »

Julia hat geschrieben: Samstag 27. November 2021, 10:44Aber auch dabei ist ja da entwickeln der Figuren, das entwickeln der einzelnen Beats, des gesamten Plot, der Konflikte, Entwicklungen etc. sehr kreativ. Bis ich anfange zu schreiben, vergehen da sicherlich mehrere Wochen
Das könnte ich nie aushalten, Julia, so lange zu warten. Da bewundere ich Deine Geduld. :) Du hast sicher recht. Der kreative Prozess muss so oder so stattfinden, sonst ginge gar nichts. Aber ich glaube auch, dass Plotten in gewisser Weise so eine Art "Zaum" ist, weil man ja schon mehrmals über die Dinge nachdenken muss. Wochenlang, wie Du sagst.

Dieser "Zaum" ist etwas sehr Positives, wenn man dazu neigt, sich zu verzetteln, würde ich sagen. Ich habe das bei meiner Geschichte hier für den LLP zumindest ein wenig ausprobiert. Soweit das in meinen Möglichkeiten liegt. Ich habe mir einiges im Voraus überlegt, was ich sonst nicht getan habe. Und ich glaube, das hat mir bei dieser Geschichte sehr geholfen. Allerdings fühlte ich mich auch etwas eingeschränkt, weil das eben nicht so meine Art zu schreiben ist. Deshalb der Vergleich mit "Malen nach Zahlen". Manchmal habe ich mich tatsächlich so gefühlt. ;) Und im Verlauf der Geschichte dann auch immer weniger geplottet und die Geschichte mehr laufenlassen.

Aber das ist absolut kein Werturteil. Es ist nur mein Versuch, begreifen zu wollen, wie man das am besten kombinieren könnte. Zumal ja niemand so richtig sagen kann, was Kreativität eigentlich ist. Ist es etwas im Gehirn oder ist es Teil der sozialen Entwicklung? Sind manche Leute einfach von Natur aus kreativ und andere nicht so? Liegt das in den Genen? Das führt jetzt zu weit, aber das würde mich interessieren.
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Ruth
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Re: Handwerk

Beitrag von Ruth »

Das habe ich bisher auch noch nicht herausfinden können. Ich halte mich für kreativ, ich schreibe, mache Musik, aber es gibt auch noch viele andere Arten der Kreativität. Geburtskarten entwerfen, Plätzchen backen, die ganz anders aussehen als normale Plätzchen, Kochen und dabei Dinge verwenden, die nicht in eine Küche gehören, Nähen, Modelle entwerfen, auch Automodelle, das alles ist ein Ausdruck von Kreativität. Und noch tausend andere Sachen. Malen, Gestalten, Erfinden. Über das Übliche hinausdenken.

Ganz sicher kann man als Kind dazu ermuntert werden, das mehr zu tun oder weniger. Aber mich hat eigentlich niemand dazu ermuntert, und ich habe es trotzdem getan. 😊 Ich glaube, allen kreativen Menschen geht es so. Wir können einfach nicht anders.

Und das beißt sich ein bisschen mit dem Handwerk. Handwerk ist nicht kreativ. Reines Handwerk ist nur das Befolgen von Regeln, nicht der Verstoß gegen die Regeln. Je besser man das Handwerk beherrscht, desto besser wird es. Während ich manchmal das Gefühl habe, je kreativer man ist, desto schwieriger wird es. So habe ich es jedenfalls oft empfunden. Mit Menschen, die immer nur Regeln befolgen und nicht out of the box denken können, kann ich meistens nichts anfangen.

Ein guter Handwerker muss meines Erachtens auch out of the box denken können. Eine gute Handwerkerin muss alle Regeln kennen, aber sie muss sie nicht immer befolgen. Sie kann auch neue Regeln finden oder Abwandlungen der alten, die in einem bestimmten Szenario dann besser funktionieren.
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Angela
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Re: Handwerk

Beitrag von Angela »

Da habe ich ja doch noch eine Antwort auf meine Frage bekommen. 😃 Die Antwort ist wahrscheinlich tatsächlich, dass es keine Antwort gibt, was Kreativität eigentlich ist. Was Handwerk ist, ist andererseits sehr klar.

Gerade in der Diskussion zu Steffis Roman(en) jetzt ist mir aufgefallen, dass ich etwas Ähnliches wollte, aber vielleicht den falschen Weg gegangen bin. Ich sollte mir Gwen Hayes noch einmal genauer ansehen. Zwar streiten meine Figuren sich, aber es kommt zu viel anderes dazwischen. Deshalb verzettelt es sich.

Ich kann mir aber keine zwei Perspektiven vorstellen bei diesem Roman. Weshalb die Vorlage einfach nicht greift. Da muss ich wohl noch eine Weile darüber nachdenken, wie das bei der Überarbeitung ablaufen soll. Eine einfache Lösung scheint es da nicht zu geben. Oder ich sehe sie nur nicht.
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Kay
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Re: Handwerk

Beitrag von Kay »

Man sieht oft den Wald vor lauter Bäumen nicht. Das ist mir auch schon so gegangen. Man verheddert sich im Dickicht und kommt nicht wieder raus. Dann hilft es manchmal, ganz neu anzufangen, die Geschichte ganz neu aufzubauen. Das mache ich jetzt mit meiner Geschichte. Gwen Hayes passt bei mir leider überhaupt nicht, aber es gibt trotzdem sehr hilfreiche Beiträge hier im Forum, die die Vorbereitung aufs Lektorat erleichtern.
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Steffi
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Re: Handwerk

Beitrag von Steffi »

Mir geht es im Moment genauso. Auch wenn ich die eine Szene mit Sydney übernehmen konnte, habe ich die Geschichte jetzt völlig neu angefangen, als ob ich mich noch nie damit beschäftigt hätte. Es ist eine ganz andere Geschichte als die ursprüngliche, die ich im Brainstorming hatte. Und das scheint wesentlich besser zu laufen.
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Hanna
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Re: Handwerk

Beitrag von Hanna »

Das kann man wohl sagen. 😎 Und da frage ich mich jetzt wieder einmal, was der Stellenwert des Handwerks ist. Gwen Hayes ist eindeutig Handwerk. Aber ich überlege im Augenblick, ob ich ein Buch nur nach dieser Vorlage schreiben könnte. Das habe ich noch nie getan. Heißt das, ich bin keine gute Handwerkerin, kann nur aus dem Bauch heraus schreiben?

Vielleicht ist es so. Aber es ärgert mich ein bisschen, dass ich dann wohl nicht die Wahl habe, wie ich schreiben will. Ich muss es so machen, wie es mir in den Sinn kommt. Und wenn mir nichts in den Sinn kommt? Dann stehe ich da. Haben Leute, die plotten oder mit der Vorlage von Gwen Hayes arbeiten, das Problem auch?
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Sina
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Re: Handwerk

Beitrag von Sina »

Ich habe das auf jeden Fall auch. Habe ich gerade wieder gemerkt. Jetzt habe ich eben die nächste Szene von meinem Roman eingestellt, nachdem ich tagelang nicht weiterkam. Trotz Gwen Hayes. Aber die Diskussion im Romane-Forum hat mir jetzt (wieder einmal) geholfen.

Für mich ist es vor allem dieser Austausch, der mich weiterbringt. Und eine Vorlage hilft mir auch. Hilft mir aber nicht weiter, wenn ich einen leeren Kopf habe. Heute Morgen haben dann einige von Euch mit Ideen nach mir geworfen 😉, und da auf einmal machte es klick.
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Steffi
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Re: Handwerk

Beitrag von Steffi »

Da schließe ich mich sofort an. Ich finde den Ausdruck nett, Sina. Mit Ideen geworfen. 🙂 So ging es mir heute Morgen auch. Ein paar Tage war richtig Funkstille, und heute haben wir uns über meinen Roman (und Deinen Roman und Ruths Roman) unterhalten, und auf einmal geht es weiter. Vielleicht braucht man zwischendurch auch einfach mal eine Pause, Handwerk oder nicht. Ich bin jetzt jedenfalls wieder in der Spur und weiß, was ich machen will. Genauso sieht es bei Dir aus, wenn ich das lese, was Du heute eingestellt hast. Es ist nicht Gwen Hayes, die die Bücher für uns schreibt. Das müssen wir immer noch selbst tun. Und da kommt eben das Menschliche zum Tragen. Wir sind keine Roboter. 😎
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Ruth
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Re: Handwerk

Beitrag von Ruth »

Genauso ist es, Steffi. 😊 Ich glaube, manchmal verlangen wir einfach zu viel von uns. Vor allem, wenn man noch einen anderen Job hat außer Schreiben. Sowohl Du als auch Sina schreibt gerade an sehr schönen Geschichten, die zu wundervollen Romanen werden. Du bist schon sehr weit gekommen, und nachdem Du die kleine Unsicherheit überwunden hast, über die wir heute im Romane-Forum gesprochen haben, geht es auch gleich wieder so schön weiter, wie es vorher schon war.

Genauso finde ich Deine neue Szene von heute sehr gut, Sina. Das ist genau das, was jetzt kommen musste. Macht Euch einfach nicht so viele Gedanken über Handwerk oder nicht Handwerk. Wenn Ihr Probleme habt, kommt ins Forum, und wir helfen uns gegenseitig weiter. Wie wir es immer getan haben. Ich hätte jetzt vielleicht auch nicht an meinem Roman weitergeschrieben ohne Euch. Es ist motivierend, Feedback zu bekommen und zu wissen, dass man auf dem richtigen Weg ist, dass das, was man schreibt, gern gelesen wird. Und das gilt glaube ich für uns alle. Deshalb machen wir jetzt einfach weiter, wie wir angefangen haben. 😎
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